GW – Warum sollten Glasbetriebe in die Automation ihrer Prozessüberwachung investieren?
Thorsten Wulff – Steigende Energie- und Rohstoffpreise, zunehmender Wettbewerb und strengere Umweltauflagen setzen Produzenten stark unter Druck. Unsere Erfahrung zeigt, dass sie diese Herausforderungen mit einer visuellen und/oder thermografischen Prozessüberwachung besser meistern können. Das beginnt bei einem stabilen, unterbrechungsfreien Produktionsprozess: Im Gegensatz zu manuellen Methoden identifiziert moderne softwaregestützte Kameratechnik frühzeitig schon kleinste Auffälligkeiten wie minimale Risse im Bereich der Schmelzwanne – so lassen sich beispielsweise Wartungsmaßnahmen im Sinne von „Predictive Maintenance“ vorausschauend planen.
GW – Lässt sich so auch die Qualität verbessern?
Wulff – Moderne, industriespezifische Überwachungslösungen sichern eine konstant hohe Produktqualität: Mit präziser Echtzeitüberwachung können Hersteller Fehler rechtzeitig erkennen und Produktionsparameter wie Temperatur, Geschwindigkeit u.a. sofort feinjustieren, um Ausschuss zu verhindern. Dadurch lassen sich Energieeinsatz und -kosten entscheidend reduzieren. Zwar ist Ausschuss in der Glasindustrie recycelbar, dies erfordert jedoch zusätzliche Energie und Anpassungen im Fertigungsprozess.
GW – Und wie steht es mit der Nachhaltigkeit?
Wulff – Auch unter Nachhaltigkeitsaspekten lohnt sich die Investition in Prozessüberwachung, da Glasproduzenten Energie einsparen, Emissionen reduzieren und dies einfach dokumentieren können. Das ist gerade im internationalen Wettbewerb wichtig, weil einerseits die Nachfrage der Kunden nach umweltfreundlichen Produkten steigt und andererseits die nachweisliche Einhaltung von Umwelt- und Qualitätsstandards ständig an Bedeutung gewinnt. Nicht zuletzt spielt eine Prozessüberwachungslösung ihre Vorteile in der Vernetzung aus: Moderne, softwaregestützte Kamerasysteme sorgen für fehlerreduzierte und sichere Abläufe ohne „blinde Flecken“.
GW – In welchen Bereichen der Produktion lässt sich visuelle Überwachungstechnik einsetzen?
Wulff – Mit spezieller Kameratechnik für Heißräume können Glasproduzenten ihre komplette Produktionsstraße präzise beobachten und steuern – neben dem Außenbereich auch die schwer einsehbaren Hochtemperaturbereiche, die sich mit herkömmlichen Möglichkeiten gar nicht oder nur unter großen Risiken überwachen lassen. Das beginnt beim Vermengen der Rohstoffe und geht über Schmelze, Floatbad und Kühlzone bis hin zum Zuschnitt des Floatglases. Damit trägt moderne Überwachungstechnik entscheidend dazu bei, die Produktqualität zu optimieren und Gefahrenpotenziale für Menschen und Anlagen zu minimieren.
GW – Was raten Sie den Unternehmen, die hohe Investitionskosten befürchten?
Wulff – Unsere Erfahrung zeigt, dass für eine moderne Prozessüberwachung häufig gar keine umfangreichen Neuinvestitionen erforderlich sind, da spezialisierte Dienstleister bestehende Anlagen mit digitaler Videotechnik und unterstützender Analysesoftware ergänzen können. Wichtig ist, eine kundenindividuelle, zukunftssichere Lösung zu entwickeln, mit der Unternehmen ausreichend Flexibilität besitzen, um einmal eingerichtete Systeme ohne größeren Aufwand an ihre Anforderungen anzupassen.

Foto: Pieper GmbH
GW – Setzen Sie auch KI ein?
Wulff – Bei Bedarf lassen sich digitale Lösungen zum Beispiel durch KI-gestützte Analyse-Funktionen erweitern und problemlos in Cloud-basierte IT-Infrastrukturen integrieren. So können Unternehmen den Automatisierungsgrad ihrer Prozesskette und damit die Rentabilität ihrer bestehenden Produktionsanlagen deutlich erhöhen.
GW – Wann können Unternehmen wieder mit einer positiven Marktentwicklung rechnen?
Wulff – In meinen Augen können Glashersteller durchaus optimistisch in die Zukunft blicken. Wir rechnen damit, dass sich die Branche in den Jahren 2025/2026 erholen und ein jährliches Wachstum von vier bis fünf Prozent verzeichnen wird. Dafür sprechen verschiedene Faktoren: Ab 2025 werden sich die Energiepreise voraussichtlich wieder stabilisieren und auch Bautätigkeiten wieder anziehen. Zudem dürften globale Nachhaltigkeitsinitiativen die Nachfrage nach Flachglas, insbesondere für Solarzellen und energieeffiziente Fenster, stark antreiben. Hier spielen auch Wachstumsmärkte wie Indien eine wichtige Rolle.
GW – Was würden Sie den Unternehmen der Glasbranche empfehlen?
Wulff – Um von diesen Entwicklungen zu profitieren, empfehlen wir, rechtzeitig in neue Technik und digitale Fertigungslösungen zu investieren, mit denen z.B. spezielle Glassorten für architektonische Anwendungen und Solarfenster herstellbar sind. So sichern sich die Hersteller wichtige Wettbewerbsvorteile auf dem globalen Markt und können von dem erwarteten Wachstum der Glasindustrie profitieren.
Die Fragen stellte Matthias Rehberger

Foto: alezandro - stock.adobe.com; Pieper GmbH

Foto: Pieper GmbH
Über die Pieper GmbH
Die Pieper GmbH ist seit über 50 Jahren ein herstellerunabhängiger Anbieter für individuelle, industrielle Video- und Sicherheitssysteme. Mit Hauptsitz in Schwerte, vier weiteren Niederlassungen in Deutschland und zahlreichen internationalen Partnern ist Pieper global im Bereich Thermovision und visuelle Prozessüberwachung vertreten.